Interview mit Norbert Tessmer

"Wir müssen unseren Verband von unten stärken"

24 Jahre stand Norbert Tessmer an der Spitze der Stadt Coburg – zuletzt als Oberbürgermeister und zuvor als Bürgermeister. Im Jahr 2015 wurde Tessmer wegen seiner besonderen Verdienste um den ASB das Samariter-Ehrenkreuz in Bronze verliehen. Seit Anfang März gehört er dem Landesvorstand des ASB Bayern an.

Norbert Tessmer wurde am 7. März von der ASB-Landeskonferenz in Nürnberg zum stellvertretenden Landesvorsitzenden gewählt.

Welche Erfahrungen haben Sie während Ihrer Zeit an der Stadtspitze mit dem Arbeiter-Samariter-Bund in Coburg gemacht?
Ich bin mit dem ASB seit vielen Jahren verbunden und konnte seine Entwicklung von den kleinen Anfängen bis hin zum heutigen Arbeitgeber – und dem Mitgliederrekord in Bayern in den 2010er Jahre – verfolgen und begleiten. Mit einem breiten Angebot an ambulanten Diensten betreut der ASB kranke und pflegebedürftige Menschen zu Hause. Das ermöglicht vielen Menschen im Alter, in der vertrauten häuslichen Umgebung bleiben zu können. Mein Ansatz als Sozialreferent der Stadt Coburg lautete: „ambulant vor stationär“. Bei einer älter werdenden Bevölkerung bleiben die Gebrechen des Alters nicht aus. Wenn es ambulant nicht mehr geht, dann muss ein würdevolles Altern in einem gut geführten Haus gewährleistet sein. In meiner Zeit als Sozialbürgermeister ist beispielsweise das ASB-Seniorenzentrum „Am Park“ entstanden. Ein Haus, das mit einer beschützenden Abteilung für Bewohner(Innen) mit Demenz baulich einen neuen Weg einschlug.
 
Hinzu kommt die Schnelleinsatzgruppe (SEG), die der ASB Coburg seit etwa 30 Jahren unterhält...
Ganz genau. Sie wurde eingerichtet, um bei Unglücksfällen mit einer großen Anzahl von Verletzten rasche medizinische Hilfe zu leisten. Coburg ist reich an überregionalen Veranstaltungen, wie zum Beispiel dem HUK-Open Air Sommer, dem Run & Bike-Marathon oder dem Schlossplatzfest, die allesamt vom ASB betreut werden. Durch eine Stiftung werden Kinder- und Jugendarbeit, die Altenhilfe, Rettungsdienst und Bevölkerungsschutz, die Behindertenhilfe unter anderem auch finanziell gefördert. Mir ist bewusst, dass das nur ein kleiner Ausschnitt aus dem breiten Portfolio sein kann. Insgesamt ist zu sagen, dass der ASB ein wichtiges Glied in der Kette der sozialen Landschaft in Coburg darstellt.
 
Weshalb haben Sie sich dazu entschlossen, für den Landesvorstand des ASB Bayern zu kandidieren?
Einst hat mich die ehrenamtliche Arbeit in Vereinen und Verbänden mit in das Bürgermeisteramt getragen. Seit 1996 bin ich in einem Amt, zunächst als 3. und später als 2. berufsmäßiger Bürgermeister. Und die letzten sechs Jahre als Oberbürgermeister, was den Höhepunkt meines Berufslebens darstellt. Im Sommer des letzten Jahres habe ich mich dazu entschlossen, nicht mehr für das Oberbürgermeisteramt zu kandidieren. So gerne ich diese Aufgabe ausgeübt habe, möchte ich mich von einem 13-Stunden-Tag und nur wenigen freien Wochenenden lösen. Gleichwohl war und ist meine Absicht, der ehrenamtlichen Landschaft, die mich nach oben getragen hat, jetzt etwas zurückzugeben. Zeitgleich zu diesen Gedanken sind mir Berichte in überörtlichen Zeitungen über Turbulenzen beim ASB-Landesverband nicht entgangen, gleichwohl sie mein Interesse und meine Aufmerksamkeit geweckt haben. Ich stellte mir vor, dass es eine reizvolle Aufgabe wäre, dazu beizutragen, den Landesverband aus der nicht unbedingt komfortablen Lage herauszuführen. In meinem Leben habe ich schon einige Male vor ähnlichen Herausforderungen gestanden. Mein Engagement wollte ich zudem dort zur Verfügung stellen, wo ich meine beruflichen Erfahrungen einbringen kann. Als Einheitsführer beim Bundesgrenzschutz – der heutigen Bundespolizei – bin ich mit der „Blaulichterfahrung“ vertraut. Und als Sozialbürgermeister gehörten Fragen „von der Wiege bis zur Bahre“ zu meinem beruflichen Alltag.
 
Wo möchten Sie und Ihre Vorstandskollegen die Schwerpunkte Ihrer Arbeit setzen?
Als Erstes möchte ich dankbar sagen, dass ich mich in dem Team sehr wohl fühle und ich als Seiteneinsteiger gut aufgenommen wurde. Wir haben noch keine abschließende Aufgabenverteilung und Zuordnung vorgenommen, da uns Corona viele Hindernisse in den Weg gelegt hat. Aber eine Krise ist nur dann eine Krise, wenn man in ihr die Chancen nicht erkennt. Dank der virtuellen Technik  sind wir in der Lage, uns per Video- oder Telefonkonferenz aktuell auszutauschen. Jedoch wird die physische Begegnung immer noch im Mittelpunkt stehen, auch wenn das momentan nur bedingt möglich ist. Als einen Arbeitsschwerpunkt sehe ich, dass der Landesverband den Ballast der negativen Schlagzeilen abwerfen muss. Negative Außendarstellungen sind weder  image- noch mitgliederzuwachsförderlich, außerdem strapazieren sie das Innenleben. Dort wo sich Gräben aufgetan haben, würde ich gerne meinen Anteil leisten, dieselben zuzuschütten und Brücken zu bauen.
 
Auch das Thema Ehrenamt liegt Ihnen am Herzen...
Absolut. Die Beratung und Unterstützung der Ehrenamtlichkeit stellen ein weiteres wichtiges Feld dar: Ehrenamtliche Funktionsträger stehen heute mit einem Bein in der Haftung, und wenn es dick kommt, im Strafvollzug. Als Ehrenamtlicher soll man möglichst Steuerexperte, Betriebswirt und Jurist zugleich sein. Viele ehrenamtliche Mitarbeiter haben sich mit Dingen auszukennen, an die sich normalerweise Firmenbosse nur mit einer ganzen Rechtsabteilung herantrauen. Ein wichtiger Punkt ist zudem die Nachwuchsarbeit. Ich hatte unlängst an der virtuellen Landesjugendausschusssitzung teilgenommen. Hier befinden sich hervorragende Zukunftspotenziale für den ASB, die es zu fördern und zu unterstützen gilt. Der ASB ist ein weltoffener toleranter Bund. Wir sollten uns auch in den Milieus bei jungen Menschen mit Migrantenhintergrund umschauen, um sie für die Mitarbeit im ASB gewinnen. Und letztlich immer wieder gebetsmühlenartig darstellen, was der ASB mit seinen ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern jeden Tag Gutes tut: Und das ist schließlich eine ganze Menge!
 
Welche besondere Bedeutung kommt dem ASB in Zeiten von Corona zu?
Die Pandemie stellt die gesamte Gesellschaft vor gigantische Herausforderungen. An manchen Stellen wird kein Stein mehr auf dem anderen bleiben, damit wurde ich in den letzten Wochen meiner beruflichen Tätigkeit knallhart konfrontiert. Sowohl die Nachkriegsgeneration, der ich selbst angehöre, als auch die sogenannte Generation Z hat so etwas noch nicht erlebt. Tschernobyl, Fukushima und die Kriege waren bzw. sind weit weg, aber Corona ist mitten unter uns. Es ist uns bewusst geworden, wie sehr wir verletzlich sind – es ist also die Zeit angebrochen, umzudenken!
 
Was bedeutet das für den ASB?
Das ganze Angebotsspektrum des ASB ist gefragt. Die Kindertagesstätten, die zwar geschlossen sind, jedoch Betreuungsplätze für Kinder von Eltern systemrelevanter Berufe vorhalten. Das Essen auf Rädern, die ambulanten Dienste, die oft die einzige Verbindung von alten Menschen zur Außenwelt darstellen. Unsere Pflegekräfte in den Einrichtungen, die jetzt aufgrund der Ansteckungsgefahren großen Belastungen ausgesetzt sind bis hin zu den Rettungssanitätern.
 
Wo sehen Sie den ASB im Jahr 2025?
Bis 2025 zu denken, wäre zu kurz gesprungen. Wie Udo Lindenberg interpretierte: „Hinterm Horizont geht’s weiter!“ So muss in größeren – jedoch nicht zu großen –  Zeitabständen gedacht werden. Auf der einen Seite steigt die Zahl der hochaltrigen Menschen, anderseits kommen erfreulicherweise wieder mehr Kinder zur Welt.  Das bedeutet jede Menge Arbeit für einen Verband, der sich zur Aufgabe gemacht hat, Dienst am Menschen zu erbringen. Das gilt wiederum für die Kindertagesstätten bis hin zu den ambulanten Dienste und den Pflegeeinrichtungen. Jede Altersgruppe hat auch ganz bestimmte Anforderungen an die vom ASB betriebenen Einrichtungen. Unsere Infrastruktur ist dahin auszurichten und ständig anzupassen. Nicht zu vergessen die Rettungsdienste, deren Bedarf eher steigen wird. Die unangenehmen Folgen des Klimawandels (Starkregen, Überschwemmungen, Stürme, Stromausfälle) sind bei uns angekommen. Die Inanspruchnahme ist groß, nur muss sie jemand erbringen. Das bedeutet, dass wir unseren Verband weiter von unten stärken müssen, jetzt! Und zwar weit über 2025 hinaus. Ebenfalls sollten wir für uns die sogenannten „Weißen Flecken“ – also Gebiete ohne ASB – erschließen.